Mokka Journey@Wien: Marktrecherche, Beobachtung, Experimente, Inspiration - Zwischen moderner und traditioneller Kaffeekultur

 

Themenreihe zum Prototyping Selbsttest - Wir gehen der Frage nach, wie schnell sich eine Idee zum erfolgreichen Produkt entwickeln lässt.

Wenn man ein Produkt oder eine Geschäftsidee entwickelt, ist ein Blick über den Tellerrand sinnvoll, um den Nutzerbedarf und den Markt besser zu verstehen sowie Hinweise für Verbesserungen zu identifizieren: Welche Alternativen nutzt meine Zielgruppe derzeit? Welche Konkurrenten gibt es im Umfeld meines zukünftigen Angebots? Was funktioniert bei meiner Zielgruppe gut? Worin unterscheidet sich mein Produkt? Was ist ggf. übertragbar und was ist vielleicht ausschließlich regional von Bedeutung?

All diese Fragen haben wir auf eine kurze Reise nach Wien mitgenommen, wo die Kaffeekultur Europas bereits eine lange Tradition hat und wo eben auch Mokka eine bekannte Spezialität ist. Wo, wenn nicht dort, hätten wir in Europa den Spuren des Mokkas nachgehen können?

Kaffeekultur und Tradition - in Wien nicht zu übersehen

Auf unserer Kurzreise haben wir ohne große Suchen viele Cafés entdeckt. Es war dabei kaum zu übersehen, dass in den größeren Cafés sehr stark auf Tradition, eleganten Stil, Höflichkeit und ein typisches Angebot auf der Menükarte Wert gelegt wurde. So fanden wir z.B. im Café Landtmann, Café Central, Café Sacher, Café Savoy, Café Hawelka und vielen mehr ein Mobiliar und eine Ausstattung, die an längst vergangene Zeiten erinnert. Sehr großzügige Räume, Sofas und bezogene Stühle, sehr höfliche meist männliche Kellner im weißem Hemd - tw. sogar im Dreiteiler-, umfangreiches und besonderes Tortenangebot sowie verschiedenste Kaffeevariationen wie sie in den Traditionshäusern nicht fehlen dürfen: Einspänner, Wiener Melange, Kapuziner, Verlängerter etc.

Was bedeutet Tradition, wenn es um Geschmack und Qualität geht? 

Nun haben wir es uns natürlich nicht nehmen lassen, beim Kaffeekonsum mal etwas genauer hinzuschauen und einigen Hypothesen zum Produkt- bzw. Kaffeeangebot nachzugehen. In jedem Café wurde mindestens ein Kaffee probiert. Nach anfänglich großer Erwartung wurde bei den Tests verschiedener Kaffeevariationen deutlich, dass Kaffee zwar ein Kernprodukt darstellt und letztlich auch namensgeben ist. Das eigentliche Produkt scheint jedoch eher das traditionelle Ambiente und das Gefühl der „echten“ Wiener Kaffeekultur zu sein.

Diese Hypothese ergab sich aus der Erfahrung, dass der Kaffee in den meisten Fällen nicht traditionell sondern mit einem Siebträger zubereitet wurde und geschmacklich keine Besonderheit war. Insbesondere auf den Mokka waren wir sehr gespannt und gleichzeitig sehr enttäuscht. Lediglich zwei Cafés hatten Mokka explizit auf der Karte. Für das Auge sehr ansprechend wurde er in der Cezve serviert zusammen mit einem Glas Wasser und Lokum, einer in der Türkei beliebten Süßigkeit. Leider war anhand der Crema zu erkennen, dass der Kaffee lediglich mit heißem Wasser aufgegossen und nicht langsam aufgekocht wurde. Für einen Preis zwischen 4,50 und 7,- Euro darf man schon enttäuscht sein, auch wenn es ein Ambiente drum herum gibt, was einen in eine andere Zeit versetzt.

Wie passen traditionelle Kaffeehäuser mit der modernen Baristakultur zusammen?

Das Gegenstück zu den traditionsreichen Cafés bilden die modernen Cafés und Coffee-Shops, die all die Varianten bieten, die heutzutage als modern gelten: Cold Brew, V60 Filterkaffee, Kaffee aus der Syphon oder Chemex oder oder oder. Diese Cafés haben keine der traditionellen Kaffeevariante oder deren Bezeichnung auf der Karte und scheinen eher die jüngere Zielgruppe zu adressieren, wenn man die Kunden zum Zeitpunkt des Tests als Maßstab nimmt. Insbesondere Studenten der Wiener Universität und Kaffeeliebhaber waren in Cafés wie Coffee Pirates und Kaffeemik anzutreffen.

Das Ambiente ist einfach und modern und man wird von einem hippen und jungen Barista an der Theke bedient und kann dabei zuschauen, wie der eigene Kaffee zubereitet wird. Hier haben wir z.B. Kaffee aus der Chemex, Filterkaffee (V60) und das Cold Brew Angebot getestet. Das Kaffeearoma war in allen Verkostungen fein und gut erkennbar. Bei den Coffee Pirates gab es sogar eine Postkarte zum Kaffee, auf der Infos zu Anbaugebiet und Aroma sowie zu den Gründern des Cafés waren. Einen klassischen Mokka gab es leider nicht im Angebot.

Die modernen Cafés verkaufen zusätzlich Equipment und Kaffees aus regionalen Röstereien für den modernen Kaffeekonsumenten.  Das ist in den Traditionshäusern nicht der Fall. Hier ist vermutlich die geringere Verkaufsmenge an Kaffee entscheidender Faktor – diese ist im kleinen Café durch die geringe Anzahl an Sitzplätzen und tw. aufwändige Kaffeezubereitung begrenzt. Dies kann über den Verkauf von zusätzlichen Waren einfacher ausgeglichen werden.

Echte Kaffee-Experimente haben wir auf dem Naschmarkt mit einem Oliopresso und bei Coffee Couture– visuell ein Mix aus Moderne und Tradition- mit einem Espresso Tonic erlebt. Beide Experimente waren eine positive Überraschung und machten Lust auf weitere Experimente dieser Art.

Welche Erkenntnisse nehmen wir wieder mit nach Berlin?

Wien kann beides: Kaffeetradition und moderne Baristakultur. Die Zielgruppen unterscheiden sich jedoch erheblich – entsprechend ist das Kaffeeangebot visuell und in der Zubereitungsart anders gestaltet. Zu wissen, wer die entscheidenden Zielgruppen sind, ist für den Erfolg eines Produktes daherwichtig und erfolgsentscheidend. Bei beiden Kaffeekulturen ist jedoch auch das Ambiente Teil der Produkte – die Ausstattung der Cafés ist Teil der Marke und Teil der Kaffeeidentität. Das könnte auch für unseren Mokka bedeuten, dass ohne Ambiente, ohne Geschichte zum Mokka, das Kernprodukt allein vielleicht nicht funktioniert. Was das richtige Ambiente sein kann, müssen wir allerdings erst noch testen.

 

Übrigens: Die in Berlin sehr präsenten To-Go-Läden wie Starbucks waren in Wien doch auffällig selten zu sehen.

 

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